Akt III: Maskenbilden
Eva hatte mir ihre Fassung von Frankenstein ausgeliehen. Ich war von den ersten Briefen des Romanes überrascht gewesen. In der Schule hatten wir gerade angefangen, die Räuber von Schiller zu lesen. Obwohl ich viel auf mein Interesse für klassische Literatur gab, konnte ich mich nicht aufraffen, auch nur eine Szene von diesem drögen, verstaubten Text zu lesen. Bei jeder Gelegenheit zog ich über das Buch her und der Fakt, dass Marcel Reich-Ranicki das Werk auch zu hassen schien, bestärkte mich nur noch mehr in meiner Ablehnung. Die Räuber war keine fünfzig Jahre älter als der Frankenstein Roman und doch war die Lesbarkeit der zwei Texte ein Unterschied wie Tag und Nacht. Natürlich war das eine ein Drama und das andere ein Roman, das eine Sturm und Drang und das andere Romantik. Trotzdem fragte ich mich, warum wir das eine im Schulunterricht besprachen, obwohl das andere doch so viel interessanter wäre.
Freitag, 05.10. 13:21 Uhr, Evas Elternhaus:
Ich klingelte bei Eva. Sie hatte an dem Tag nur kurz Schule gehabt und war deswegen schon früh daheim. „Na, wie geht es so?“ Sie öfftnete mir die Tür. Sie trug einen schwarzen Hoodie und Basketball-Shorts. Ich hatte sie noch nie in einem so lockeren Outfit gesehen. Trotzdem war sie noch geschminkt. Ich lächelte: „Hätte auch gerne nur zwei Stunden Unterricht gehabt.“ Sie lachte: „Dann kannst du dich schon auf die Oberstufe freuen. Wenn die Lehrer da ausfallen, bekommen wir scheinbar keine Vertretung mehr.“ „Das ist schon cool.“ Sie schaute auf den Boden: „Dafür gehen alle meine Noten jetzt ins Abschlusszeugnis ein.“ Ich nickte. Nächstes Jahr würde ich wohl wieder mehr lernen müssen.
„Egal, komm erstmal rein.“ Ich zog meinen Mantel aus; sie zeigte mir einen Platz, wo ich ihn aufhängen könnte. Ich schnürte meine Winterschuhe auf. Es hatte heute kalt geregnet. Meine Haare waren ganz nass, sie gab mir ein Handtuch. In Strümpfen, schwarzer Cordhose und einem langärmligen Shirt stand ich im Gang. „Hast du Hunger? Willst du was trinken?“ Ich wollte erstmal nur Wasser, sie überzeugte mich zu Tee. Dann saßen wir auf dem Balkon und redeten wieder über dieses und jenes.
Mit Eva fiel es mir irgendwie immer leicht, mich in Gesprächen zu verlieren. Wir redeten ein bisschen über das Theater. Nächste Woche sollten zunächst einige Szenen geprobt werden, in denen Rollen drankamen, die bis jetzt noch nicht aufgetreten waren. An einer davon war ich auch beteilig: Lucys Auftritt im Gefängnis. „Glaubst du, dass Marry Messer Polly wirklich liebt?“ fragte ich Eva schüchtern. Beim Vorsprechen hatte ich das noch geglaubt, doch im Verlauf des Stückes betrügt Macheath Messer Polly am laufenden Band, während ihre Rolle immer weiter in den Hintergrund fällt.