Das Canterville-Gespenst ~ Oscar Wilde

 

Was für ein wilder Genremix.

Die aktuelle Woche steht ganz im Zeichen der Leipziger Buchmesse und so möchte ich hier einen meiner Funde aus dem letzten Jahr besprechen. Der JMB Verlag war für mich dort einer der spannendsten Stände, ein kleiner unabhängiger Verlag, der ungewöhnlichen Texten der Vergangenheit und Gegenwart ein Zuhause bietet. Die Reihe “Kabinett der Phantasten” ist quasi ihre Reclam-Version, um klassischen Texten, die sich irgendwo der Phantastik und dem Horror zuordnen lassen, kuratiert, eine neue Bühne zu gewähren.

Ich hatte mir dort unter anderem das Oscar Wild Novellen-Debüt geholt, und bin einmal wieder davon begeistert, wieviel Kreativität, Witz und zeitloses Handwerk sich doch in Texten finden lassen kann, die vor dem 20. Jahrhundert entstanden sind.

Theoretisch keine große Überraschung, doch auch mich hatte der Deutschunterricht manchmal schon an dieser Tatsache zweifeln lassen. Also wer eine Abneigung gegenüber den “Klassikern” verspürt  und doch lieber bei Texten das Zeitgenössische, das leicht Verdauliche bevorzugt, dem würde ich raten, hier diese Review zu pausieren und an einem freien Abend, oder zweien, mal diesen 50 Seiten Oscar Wilde eine Chance zu geben.

Grundsätzlich würde ich nämlich sagen, je weniger ihr wisst, desto besser. Wenn ihr die Novelle aber jetzt gelesen habt, oder noch mehr Überzeugung braucht, dann lasst mich jetzt kurz einmal die Idee hinter “Das Canterville-Gespenst” zusammenfassen:

Im aristokratischen Anwesen der Cantervilles spukt es. Ein Gespenst scheint dieses schon seit Jahrhunderten heimzusuchen. Das ist auch der Grund, warum der aktuelle Lord von Canterville sich entschlossen hat, das Anwesen nun letztendlich zu verkaufen. An eine amerikanische Diplomatenfamilie. Diese wird zwar über die Existenz des Gespenstes aufgeklärt, doch verstehen sie sich als zu modern, um an so etwas wie Geister zu glauben. Was darauf folgt, ist quasi ein Kampf des Geistes gegen modernen Pragmatismus. Ein Kampf zwischen schauderhafter Romantik und etwas, das ich nur als moderne Satire auffassen kann. Ja, recht schnell beginnt die amerikanische Familie die Existenz des Geistes anzuerkennen, doch statt wie zu vermuten, mit Angst und Schrecken auf diesen zu reagieren, nehmen sie seine Existenz teils als kleine, aber bewältigbare Lästigkeit oder sogar als Belustigung wahr. Die Kränkung und die Sinnkrise, die das in dem Geist auslöst, sind faszinierend und belustigend zugleich. Ohne Frage ist er ein böswilliger Geist, doch zugleich versteht er sich als Künstler, der nur die richtige Show abziehen muss, um seinen alten Glanz wieder aufleben zu lassen.

Ich bin ganz ehrlich, nachdem ich das erste Kapitel dieser Novelle gelesen hatte, hätte ich nicht erwartet, wie komödiantisch sich alles entwickelt. Geschickt spielt Oscar Wilde mit den Konventionen von Schauer und Horror, nur um im nächsten Moment die aufgeladene Spannung als einen Witz zu entladen.

Und dann, wenn man sich gerade an alles gewöhnt hat, schlägt die Novelle im letzten Drittel nochmals einen anderen Ton an. Ich möchte daraus jetzt nicht zu viel vorwegnehmen, doch während dieser finale Akt vielleicht die spannendsten Passagen der Novelle enthält, ist der Abschnitt auch der, in welchem das Alter der Novelle doch nochmals stärker durchscheint. Definitiv nicht im Bezug auf das Handwerk, sondern schlicht, eine veraltete Darstellung von Sinti und Roma und vielleicht auch von Geschlechterrollen. Im Kontext der Zeit und von anderen Werken nichts besonders Verwerfliches, aber etwas, das ich bei so einem fortschrittlichen Autor und Werk zumindest kurz ansprechen möchte.

Nichtsdestotrotz hat die Abbildung dieser zwei Themen genug Nuancen, um auch positive Seiten in der Darstellung zu erkennen und wie gesagt, war dieser dritte Akt etwas, das mich handwerklich und emotional nochmal auf eine komplett neue  Art und Weise in den Bann gezogen hatte.

Abschließend kann ich mich eigentlich nur beim JMD Verlag und bei der Leipziger Buchmesse dafür bedanken, durch diese auf so ein spannendes Werk aufmerksam gemacht worden zu sein. Ich bin sehr gespannt, was für Werke es dieses Jahr wohl sein werden, die ich dort für mich entdecken kann:)

 

Kurz: Das Canterville-Gespenst ist, witzig, kreativ und berührend, perfekt geeignet um sich den Tag zu versüßen.