Das Oktopusmädchen ~ Sarah C. Schuster; Andrea Grosso Ciponte
“[...] und das Oktopusmädchen gestrandet in einer sandigen Welt, in der Menschen etwas sagten und etwas anderes meinten.”
Die zweite Rezension von der Leipziger Buchmesse dient als Gegenbild zu dem anderen Review. “Das Canterville-Gespenst" als Repräsentation der klassischen Literatur und “Das Oktopusmädchen” als die absolute Gegenwartsliteratur. Zwischen Comic und Bilderbuch. Geschrieben wie ein Kinderbuch, gefüllt mit Tragik, kosmischer Komplexität und düsteren Illustrationen, lässt es die Verortung in einer Zielgruppe vage. Brandaktuell hat das Buch sich frisch vom Druck 2025 auf der Leipziger Buchmesse wiedergefunden. Der Verlag Edition Faust veröffentlicht auf einem sehr breiten Feld unabhängige deutsche Literatur. Ich hatte mir letztes Jahr von seinem Stand zwei Graphic-Novels gekauft: Der Sandmann war eine Comic-Adaption des E.T.A Hoffmann-Klassikers. Um nicht zweimal über Klassiker zu schreiben, schreibe ich hier jetzt über das andere Werk.
“Das Oktopusmädchen” ist eine tragische Figur, geworfen in eine Welt, die sie überfordert, weil sie diese nicht verstehen kann. Ich lese da so etwas wie Depression oder ein autistisches Burnout rein, aber an sich ist es recht offen. Das Oktopusmädchen hat drei Herzen, acht Arme und sehnt sich danach, in ihrer Welt Mitmenschen zu finden, mit denen sie sich verbinden kann. Muss das direkten Bezug zu real existierender Psychosomatik haben oder ist es einfach eine fantastische Figur, die uns anders über unsere Welt nachdenken lässt? Ja.
Ich bin irgendwo zwischen komplett beeindruckt und hier und da von der Simplizität enttäuscht. Es ist werkimmanent. Der Zeichenstil ist konsequent in verschwommenen blau dominierten Farben gehalten. Düster. Er erzeugt eine kohärente Atmosphäre und ist durchgängig wunderschön. Auf der anderen Seite erzeugt das gelegentlich eine Bild-Text-Schere und schafft es vielleicht nicht immer, das komplette Spektrum der Emotionen aus dem Text zu übertragen. Es ist weniger ein Fehler des Werkes als vielmehr eine Entscheidung, die in mir die Frage ausgelöst hat, inwieweit ein gelegentliches Brechen des Stils - zum Unterstreichen des Textes - den emotionalen Eindruck noch mehr verstärken hätte können.
Die zweite leichte Irritation besteht darin, dass das kurz gehaltene Textformat des Bilderbuches nach meinem Eindruck manchmal nicht ausreicht, um der emotionalen Komplexität des Oktopusmädchens gerecht zu werden. Vielleicht hätte es manchmal besser auf den Punkt gebracht werden können, vielleicht war es aber auch wieder eine bewusste Entscheidung. Hier eine Entscheidung zur Vagheit, um der Idee eines Kinderbuches zumindest in der Struktur gerecht zu werden. Vielleicht hat diese Vagheit auch den Vorteil, die Lehren aus dem Buch universeller auf das Leben anwenden zu können. Ein Aspekt, der sowohl bei Fabeln als auch bei Kinderbüchern schon oft zu großem Erfolg geführt hat.
Darüber reflektierend stärkt sich der Eindruck, diese beiden Irritationen sind mehr Erwartungen von mir geschuldet, die falsch waren, und dass ich mich gut an diese Entscheidungen anpassen kann. Mit genug Zeit können sich Irritationen auch zu Stärken entwickeln. Es würde mich freuen, das auch hier wieder zu erleben.
Unabhängig davon fand ich diese Geschichte wirklich beeindruckend, emotional und möchte sie noch ein bisschen tiefer sacken lassen, bevor ich diese kleinen Entscheidungen zu Gunsten von Simplizität vollends für mich einordne. An der Stelle würde ich alle, die das hier lesen, dazu einladen, sich selbst ein Bild davon zu machen.
Nicht nur, weil meine Meinung nicht absolut ist; nicht nur weil ich mir selbst noch keine abschließende Meinung gebildet habe; nicht nur weil das Buch wirklich gut gemacht ist und nicht nur weil die Figur vom Oktopusmädchen so spannend und kreativ ist. Nein, ich möchte es weiter empfehlen, vor allem weil es eine sehr emotionale Geschichte ist, die mit Einsamkeit und Isolation sehr wichtige Motive in den Fokus setzt und Gedanken dazu in mir angepflanzt hat, die ich ohne das Oktopusmädchen so nie gehabt hätte.
Wenn das kein guter Grund ist, unabhängiger Gegenwartsliteratur eine Chance zu geben, dann weiß ich nicht, was ein guter Grund sein soll.
Kurz: Eine berührende Geschichte über eine sehr komplizierte Figur. Wenn auch sehr simpel, verdient dieses Buch mehr Aufmerksamkeit.