M - Eine Stadt sucht einen Mörder
Ich habe zum ersten Mal seit längerer Zeit “M” mal wieder gesehen. Einer meiner lieblings Filme. Ich wollte ihn seit Ewigkeiten meiner Freundin zeigen, aber ein deutscher Krimi und dann noch einen aus dem Jahr 1931, das ist schon etwas, das auch irgendwie abschreckend wirkt.
Nachdem ich jetzt auch meine Erinnerungen wieder zu dem Film auffrischen konnte, muss ich auch anerkennen, dass er doch etwas schwieriger zu sehen ist als gedacht. Das soll aber niemanden abschrecken, ich dachte, er wäre heute noch genauso leicht zu sehen wie “Sieben” oder “The Batman", ein runder Thriller, der moderne Erzählweisen auffährt und komplexe Themen interessant aufbereitet. Ganz so konventionell war er dann doch nicht und ja, hier und da muss ich zugeben, dass kurz nach der Entdeckung des Tonfilms vielleicht auch Kleinigkeiten noch anders gemacht wurden als das jetzt 95 Jahre später der Fall ist.
Nichtsdestotrotz sind 95 Jahre vergangen und der Film ist immer noch ein Meisterwerk und auf vielen Ebenen ist der Film doch zugänglicher, als es zu erwarten wäre. Die Kamera ist in Bewegung, Szenenübergänge fließend, die Themen aktuell und vielschichtig, es wird effektiv mit Spannung gearbeitet und das Schauspiel, wenn auch eindeutig das Abbild einer längst vergangenen Zeit, ist authentisch und emotional.
Okay, soweit so Meisterwerk, was sind die schwerer zugänglichen Aspekte? Das Schauspiel hatte ich bereits erwähnt, es fängt die damalige Zeit authentisch ein, was heißt, dass alle Entwicklungen in der Sprache seitdem natürlich nicht mehr abgebildet werden. Besonders fällt das bei den Beleidigungen auf und mag vielleicht auch mit der Immersion brechen. Kameraarbeit, Schnitt und Ton waren ambitioniert für die damalige Zeit, aber wir sprechen wie gesagt von vor 95 Jahren, Schnitte wurden noch mit der Schere gesetzt, Ton hatte gerade erst seinen Weg auf die Leinwand gefunden und Kameras…
Ich finde nichts von dem wirklich störend oder schlecht, es erzeugt ein stimmiges Gesamtbild, aber ich will auch ehrlich sein: Wer keine Liebe für den Analogfilm hat, jedes knacken in der Szene hören will oder sich einfach schon an Bildformaten stört, die rechts und links am Rand des Fernsehers für schwarze Balken sorgen, der wird mich wahrscheinlich für wahnsinnig halten, wenn ich dieses Werk als zeitlos bezeichne.
Zusätzlich war ich von der Dramaturgie überrascht. Wie gesagt hatte ich mich fast schon an einen konventionellen Thriller erinnert: Zwei unterschiedliche Fraktionen versuchen einen Mörder zu schnappen und dann passieren Dinge. Es war komplexer als das, lange fliegt dieser Film einfach nur so durch die Stadt, zeigt Dinge und Szenen, alle natürlich im Zusammenhang mit dem Mörder, bis sich aber so etwas wie zentrale Figuren hervorheben, wird sich Zeit gelassen. Und dann greift Fritz Lang auch noch in die Kiste der antiken Dramentheorie und knallt uns eiskalt noch einen kompletten "Retardierenden Moment” auf den Tisch. Also eine lang anhaltende Szene zwischen dem Finale und der Jagd nach dem Täter, die nach dieser Theorie dazu dient, uns den Klimax der Handlung länger vorzuenthalten, während eigentlich schon klar ist, dass dieser unmittelbar bevorsteht.
Ich fand das alles großartig, eigentlich auch besser als den klassische Thriller. Perfekt passend für die Frage, mit der wir auch eindeutig aus dem Film rausgehen sollen. Ein Film, der das Thriller-Genre dekonstruiert, bevor es überhaupt ein Ding war, sollte vielleicht auch kein konventioneller Thriller sein.
Also, wenn ich in der Vergangenheit gesagt habe, dass der Film genauso modern ist wie gegenwärtige Thriller und jeder, der auch heute noch ohne Probleme schauen kann, habe ich vielleicht ein kleines bisschen Übertrieben. Nicht stark, er funktioniert nach heutigen Sehgewohnheiten immer noch gut und das Thema ist wirklich zeitlos umgesetzt worden, aber es lohnt sich, mal kurz vor Augen zu halten, was die damaligen Mittel und Zeiten waren, um ihn wirklich als das Meisterwerk wahrzunehmen, dass er ist. Denn wenn ich unfaire Maßstäbe ansetze, nur um herauszufinden, wie weit dieser Film seiner Zeit wirklich voraus war, muss ich anerkennen, dass fast 100 Jahre an jedem Film doch Spuren hinterlassen, die andere vielleicht mehr stören, als sie mich stören.
Kurz: Ein Pioneer Film, der im Jahr 1931 bereits Maßstäbe gesetzt hat für Thriller und Kriminalfilm, die in Teilen immer noch brandaktuell sind. Ein guter Film, um in die Welt der frühen Filme einzusteigen oder sich mal anders mit Mördern und Ermittlern auseinanderzusetzen.
Bitte gebt “M” eine Chance:)