Verdichtung ~ Susanne Bonowicz, Poljak Wlassowetz

 

Verdichtung war einer meiner Funde vom Kopf&Kragen-Stand der Leipziger Buchmesse. Resonanzen #2. Eine Reihe an Veröffentlichungen, in denen der Verlag bildende Kunst auf Schreibende treffen lässt. Sie nennen es Resonanzen, um das gleichwertige Aufeinandertreffen zu betonen. In Verdichtung sind es die Malerin Susanne Bonowicz und der Autor Poljak Wlassowetz. Sie treffen sich in Verdichtung unter der Motivik “Großstadt”. Sie durch abstrakte, vielleicht kubistische, Gemälde. Er durch eine kurze Novelle über Entfremdung.

Um dem Format gerecht zu werden, möchte ich kurz beide Werke einzeln bewerten und dann stärker auf das Zusammenspiel eingehen.

Die Bilder empfinde ich als wunderschön. Wenn sie auch abstrakt und oft minimalistisch gestaltet sind, haben die sehr gezielten Formen in ihrer Anordnung doch direkt meine Fantasie angeregt. In nicht allen habe ich immer Städte gesehen, aber eine komplexere Szenerie, verbunden mit klaren Gefühlen, war stets präsent. Mal eskapistisch, mal bedrückend, mal weite Landschaften, mal oppressive Städte. Ihre Bilder laden zum Diskutieren und verlieren ein.

Der Reiz des Textes hat bei mir deutlich länger gebraucht sich zu entfalten. Eine entfremdete Person, die sich teils übergriffig verhält und voller Widersprüche steckt, kämpft sich fast schon durch einen Tag in Berlin und verliert sich in Nostalgie über eine Zeit, zu der sie selbst ein ambivalentes Verhältnis hat. Genial wurde der Text für mich erst durch das Ende, das in Teilen zwar zu erwarten war, aber in Details dann auch wieder nicht. Ein Ende, das einiges offen lässt, zum Nachdenken anregt und die gleiche Ambivalenz des restlichen Textes trägt, mir aber auch gleichzeitig ihren Sinn vergegenwärtigt hat. Aussteigen aus der Gesellschaft, um ihrer Entfremdung zu entkommen.

Aber wie haben jetzt diese beiden Werke miteinander räsoniert? Ich würde sagen stark, aber nicht perfekt. In erster Linie waren sie für mich nämlich Gegensätze. Die Bilder waren evokativ, emotional und teils eben eskapistisch, während der Text entfremdend war, pessimistisch, Konfrontation mit dem Alltag. 

Ja irgendwie haben diese Gegensätze gut zusammen gespielt und vor allem auch die Rollen übernommen, die in so einem Zusammenspiel vielleicht auch die Erwartungen brechen. Das gibt Interpretationsraum. Geben die Bilder das, was der Hauptfigur fehlt oder ist es der Text, der hinterfragen lässt, ob die Bilder so abenteuerlich sind, wie sie scheinen? Es fühlt sich nicht wie reine Übung der Kunstanalyse an zu interpretieren, nicht wie eine verzweifelte Sinnsuche, sondern wie angelegt, einladend mehr zu sehen, als das Gezeigte.

Einzig die Strukturierung war für mich nicht ideal gelöst. Obwohl ich mir Zeit beim Betrachten der Bilder gelassen habe, sie auf mich wirken lassen und  interpretiert habe, hat doch der Text irgendwie mehr Raum eingenommen. Wenn drei Bilder direkt hintereinander kamen, konnte ich nicht allen die gleiche Aufmerksamkeit entgegenbringen, aber Textseiten musste ich alle im gleichen Tempo lesen: Wort um Wort, Satz um Satz. Vielleicht ist das meine Schuld. Fehlende Übung im Räsonieren. Es hätte mir aber auch so leicht leichter gemacht werden können: Die Textabschnitte dritteln und dafür immer nur ein Bild auf kurzen Text folgen lassen.

 

Trotzdem nur eine Kleinigkeit, die den Eindruck meiner Erfahrung am Ende vielleicht negativer wirken lässt, als sie es war. Ich mochte die Bestandteile, ich mochte ihr zusammenspiel und ich mochte es auch, dass es ausgehalten wurde, gerade im Text mich vor den Kopf zu stoßen, um am Ende doch so etwas wie einen Einklang mit der Resonanz der Bilder zu finden.

 

Kurz: Herausfordernd, schön und auf jeder Seite irgendwie einzigartig.