The Zone of Interest

Es gibt viele Spielfilme, die gedreht wurden, um die Verbrechen des Nationalsozialismus, insbesondere die Shoah, aufzuarbeiten. The Zone of Interest ist diesbezüglich eines der wichtigsten Werke, denn es entlarvt die Haltungen der Täter und wie Millionen von Menschen ermordet werden konnten und niemand etwas davon gewusst haben soll.

Wie hat die Crew hinter dem Film das geschafft? Sie hat etwas ganz Simples und gleichzeitig sehr Radikales getan. Sie haben das Privatleben von Rudolf Höss, Kommandant von Auschwitz, und seiner Familie gezeigt, die direkt neben dem Vernichtungslager wohnten, ohne aber direkt zu zeigen, was in Auschwitz selbst passierte.

Warum wurde das gemacht? Geht es wie bei dem Film „Der Untergang“ hier schlicht um die Abbildung einer historischen Extremsituation, die fast schon zufällig die NS-Zeit als Schauplatz hat? Nein. Verharmlost es die Verbrechen von Auschwitz durch das Nicht-Zeigen? Nein, so beschrieb beispielsweise der deutsche Filmkritiker David Hain, dass ihm bei der Aufführung „mehrfach übel“ geworden sei. Vermenschlicht er die Täter durch den Fokus auf ihr Privatleben? Ja, und genau das macht ihn so wichtig.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Entmenschlichung der führenden Dirigenten des Holocaustes durch die Erhebung zum ultimativen Bösen das ist, was viele Menschen denken lässt, „Nie wieder ist jetzt!“ sei eine Selbstverständlichkeit. „Die Verbrechen der NS-Zeit waren grauenvoll, aber was hat das mit uns zu tun?“

Alles.

Ich hatte am Anfang die Rechtfertigung vieler deutscher Bürger angesprochen, von dem alles nichts gewusst zu haben. Diese Haltung zog sich bis nach oben zu Herrman Göring durch. Bei den Nürnberger Prozessen verteidigte er sich beispielsweise wie folgt gegen die Anschuldigungen wegen Verbrechen an der Menschlichkeit: „Es ist also nur eine Behauptung und Vermutung, wenn die Anklage sagt: Wer sollte dies nicht gewusst haben, wenn nicht Göring als Nachfolger des Führers? Wiederholt aber haben wir hier gehört, wie gerade die schwersten Verbrechen am geheimnisvollsten verschleiert wurden.“ Nur ist nachweisbar, dass Göring maßgeblich für die „Endlösung der Judenfrage“ verantwortlich war, weil er 1941 Reinhard Heydrich damit beauftragt hatte diese durchzuführen. Also lügt er einfach. Aber warum? Der Holocaust war quasi sein Lebenswerk und als letzte Tat vor seinem Tod lehnt er jede Verantwortung dafür ab.

Vielleicht hat er nicht gelogen. Nicht weil es nicht passiert ist, sondern weil er wegsah, während er Täter war.

Das zumindest ist die These von The Zone of Interest. Die Familie Höss wusste, was passierte, sie konnte es hören, sie konnte es riechen und sie musste davor fliehen, wenn der Rauch wieder zu ihrem Einfamilienhaus kroch. Das ist es, was diesen Film so unangenehm macht.

Regiesseur Jonathan Glazer und Sounddesigner Johnnie Burn hatten mit einem 600-seitigen Dokument gearbeitet, um die Geräusche aus Auschwitz akkurat replizieren zu können. Wenn wir es hören konnten, konnte es Familie Höss auch. Trotzdem spielen sie uns das heile Familienleben vor. Nein. Nicht uns. Sich selbst. Hedwig Höss, die Mutter der Familie, lebt im Luxus und will diesen nicht aufgeben.

Ihr schmeckt das Fleisch halt zu gut, würden Tierschutzaktivist*innen zynisch sagen.

Habt ihr euch ertappt gefühlt? Ja, wir schauen alle manchmal weg. Wer macht unsere Kleidung? Was ist in unserem Essen? Haben wir das 1,5 Grad-Ziel schon überschritten? Naja, aber wenigsten würden wir nicht wegschauen, wenn neben uns Auschwitz steht.

Das ist ein bisschen die These. Der moderne Mensch braucht die Kunst des Wegsehens, um in unserer Gesellschaft nicht komplett den Verstand zu verlieren, aber wenn wir es damit zu weit treiben, dann kann auch in unserem Garten das nächste Vernichtungslager errichtet werden.

Es klingt natürlich extrem, aber es wichtig zu verstehen, dass diese Idee das ist, was The Zone of Interest so wichtig macht. Wir sind alle Menschen, wir leben von Fehlern und das Wegschauen ist einer der heimtückischsten dieser Fehler. Auf ihm wurde Auschwitz aufgebaut und das macht ihre Täter zu einer Warnung, weil es doch nur Menschen wie du und ich sind, die in der Lage sind, das zuzulassen, was das unmenschlichste Verbrechen ist, das je von Menschen begangen wurde.