Der Flug in die Nacht



Es ist 22:55 Uhr und ich habe gerade mit meinen Eltern einen Film angesehen, um meine Fassade aufrechtzuerhalten...

 

"Irgendwie war mir das ein bisschen zu eklig.“

 

“Naja, ich meine, es ist Bodyhorror, genau darum geht es.“

 

“Ja, ich glaube einfach, Filme, in denen sich Menschen in ekelhafte Monster verwandeln, sind nichts für mich...“

 

„Also ich fand es großartig, wie ewig lang diese liebenswerte Romanze zwischen Brundel und Veronica aufgebaut wird, nur um dann ganz langsam den netten Brundel in ein Monster zu verwandeln.“

 

“Fast wie in manch einer echten Beziehung, die ich über die Jahre erlebt habe...“

 

“...ja genau; mich hat so fasziniert, wie diese ganzen feministischen Motive den Film durchzogen haben: Ihr Ex missbraucht seine Macht und überschreitet dauernd Grenzen, sie nimmt ihr Liebesleben selbstbestimmt in die Hand, die Abtreibung, ...“

 

“Ja, das muss ich zugeben, für einen Film der Achtziger war die Frauenfigur und die Abtreibungsdebatte ziemlich progressiv.“

 

“Ja, und jetzt ergibt alles einen Sinn: In dem Film, in dem sich Jeff Goldblum langsam in ein ekelhaftes Fliegenwesen verwandelt, geht es eigentlich darum, wie selbstbestimmte Menschen leicht Opfer von häuslicher Gewalt werden können, wenn ihre Partner sich erst langsam zu  Monstern entwickeln!“

 

„Danke, jetzt weiß ich nicht, was ich ekelhafter finden soll, die Vorstellung, ein Monster in seiner Familie zu haben ohne es zu wissen oder wie sich ein schöner, netter, liebenswürdiger Mann langsam in ein abartiges, widerwärtiges, gemeingefährliches Monster verwandelt!“

 

„Ha, zum Glück bin ich kein Wissenschaftler geworden!“

 

„Wie auch immer, Mama, Papa, ich muss langsam mal ins Bett, ich bin schon … müde.“

 

“Klar, gute Nacht, Schatz!“

 

“Gute Nacht!“

 

Nacht!“



Es ist 23:00 Uhr. Ich betrete mein Zimmer. An der Wand hängen Film- und Bandposter, Bilder von Freunden und Reisen und eigene Kunstwerke. Alles Teil der Fassade. Ich streife sie mir bereits nach dem Aufstehen über. Nur nachts wage ich mich aus meiner Hülle. Ich entledige mich meiner Adidas-Jogginghose. Ich entledige mich meines H&M-T-Shirts. Ich putze Zähne. Ich entledige mich meiner Boxershorts.

 

Es ist 23:04 Uhr. Nachts kämpfe ich mich langsam aus meiner Fassade, in der ich mich niemals wohlfühlen werde. Meine Freunde, meine Familie, alle kennen nur meine Fassade, und das ist vermutlich auch besser so. Ich spüre, wie sich mein Magen verkrampft. Ich schließe meine Zimmertür ab, denn ich will keine unerwünschten Gäste. Ich reibe, kratze und beiße die Haut auf meiner Haut, um das Jucken zu unterdrücken.

Nichts fühlt sich besser an, als dem Mond nachts mein Gesicht zeigen zu können. Mittlerweile kann ich nicht mehr den Mageninhalt in mir behalten, den ich mir als Teil meiner Fassade täglich einzwängen muss. Ich entleere ihn über einem Mülleimer und auf einem Teppich, wobei mir auch die stumpfen Zähne ausfallen.

 

Es ist 23:11 Uhr. Ich spüre meinen Körper kochen, denn so gut die Fassade auch ist, ich ertrage sie keine 24 Stunden auf meinem Körper. Ich beginne die Haut auf meiner Haut, die vor ein paar Stunden anfing immer stärker zu jucken, neben den Finger- und Zehennägeln langsam abzuziehen, um wieder etwas besser atmen zu können. Ich fühle mich währenddessen, als wäre ich ein Fisch an Land, über den ein Eimer Wasser geschüttet wurde. Ich taumele zum Fenster und öffne es, um die Weichen für meinen Nachtflug zu stellen, wobei ich ins Straucheln gerate. Wie immer wird es mir zu dieser Zeit schwarz vor Augen, weshalb ich mich auf den Boden fallen lasse und wild zuzucken beginne.

 

Es ist 23:27 Uhr. Während ich langsam die Kontrolle über den Körper, den ich jede Nacht zerstören muss, zurückgewinne, stecke ich die Zeigefinger in jene Augen, welche gerade ihre Sehkraft verloren haben. Ich klaube sie langsam aus meinem Schädel heraus, der sich gleich ein bisschen mehr wie der meine anfühlt, und lasse langsam Teile meines richtigen Auges in die Höhlen fließen, wodurch meine Sehkraft wieder zurückkehrte.

Ich hielt kurz inne, um zu genießen, wie ich wieder ohne diesen drögen menschlichen Filter richtig sehen konnte, als hätte ich den ganzen Tag nur Schatten an einer Wand beobachtet. Jetzt konnte ich endlich wieder die Realität sehen, doch das war mir noch lange nicht genug, ich musste atmen und ich musste das gottverdammte Jucken beenden.

 

Es ist 23:39 Uhr. Nachdem ich mir die gesamte Haut vom Körper gerupft hatte, und mich fühlte, als hätte ich nach einer langen Wanderung endlich die Schuhe ausgezogen, die mir vermutlich zwei, drei Größen zu klein waren, begann ich mich erstmals wieder zu strecken und zu entfalten, während mein Auge langsam wieder an seinen Platz rutschte.

Nichts war befreiender, als das Gefühl, nach einem langen Tag eingesperrt in eine Hülle, allen Wesen um einen herum etwas vormachend, während diese Hülle langsam um einen zerfällt, sich wieder wie man selbst fühlen zu können. Ich, der sich kaum besser fühlen konnte, da meine Lieblingszeit des Tages gerade anbrach, baute mich endlich wieder zu voller Größe auf, sodass ich mit meinem Rückgrat an der Decke anstieß. Doch kurz nachdem ich meinen Körper wieder in Form gebracht hatte, und während ich das zurückkehrende Gefühl von Normalität genoss, merkte ich, wie mich ein anderes Gefühl beschlich, das sich in meinem Magen breit machte und meinen Geist aufs Neue benebelte.

 

Es ist 23:54 Uhr. Während ich mich auf die Fensterbank zu bewegte, wetzte ich meine eingeschlafenen Klauen, brachte meine Zähne wieder in Position und ließ meine Instinkte schweifen, wie ich heute Nacht wohl den Hunger, der mein Nachtleben so beherrschte, am besten stillen könnte. Ich stellte mich auf die Fensterbank, als wäre ich ein den Sonnenaufgang genießender Spatz, schnüffelte in die Luft, als wäre ich ein Bluthund auf Beutezug, und suchte mir den besten Duft aus, als wäre ich ein Kind in einer Konditorei. Während ich so da saß, meine Flügel schlaff zu Boden hängend, meine Nasen in den Wind gestreckt, witterte ich eine Fährte, die perfekt stark, perfekt süß und perfekt einsam war und meine Entscheidung war getroffen. 

 

Es ist 24:00 Uhr. Nachdem ich überprüft hatte, ob meine Flügel schon

wieder einsatzbereit waren, alle Sinne in mein wirkliches Auge, meine

wirklichen Ohren und meine wirklichen Fühler zurückgekehrt waren, stieß

ich mich von der Fensterbank ab, breitete meine Flügel aus und flog in die

Nacht, um mich auf die Jagd zu machen.





Der Jüngling und das Biest

 

~ Robert von Hinterwald, 1921: „Sammlung alter Kindergedichte mit bolschewistischer Botschaft



Was fliegt so schnell durch Nacht geschwind?

Ist‘s ein Drache? Ist‘s der Wind?

Kalt wie dunkel die Erscheinung,

Wenn es kommt gefriert die Heizung.

Was du liebst, ist was es nimmt.

Es jagt dein‘ Hund, es frisst dein Kind.

 

Heut‘ hat es sich nen Jüngling auserkoren.

Einsam bewacht der das Haus bei Nacht,

Seine Eltern ham sich aus dem Staub gemacht.

Das Biest kommt, doch noch ist nichts verloren,

Ein frommes Haus darf‘s nicht betreten.

Schnell macht‘s den Jüngling ganz verlegen.

 

Da steht das Biest doch spricht ein Greis,

Draußen sei es furchtbar kalt.

„Ob du kein Dach hast“, fragt er leis‘?

Das Biest fleht, es sei so alt.

Angst vor Fremden schlägt sein Mitleid.

Das Biest befreit er so vom Eid.



Es knackt die Tür und bricht herein.

Der Jüngling fängt an laut zu schrein.

Für was er sieht und was es tut, fehlt jed‘ beschreiben.

Nur so viel: Es spart kein Leiden.

Was einst weiß, das ist jetzt rot.

Drum helfe stets nem Greis in Not.




In der Tagesschau vom 02.02.2026:

 

“Die Mordserie hält weiter an. Heute wurde ein Junge als vermisst gemeldet. Die Eltern des vierzehn Jahre alten Thomas W. waren über Nacht, laut Aussage der Polizei, auf Geschäftsreise. Als diese heim kamen, war das Haus leer, verwüstet und die Wände waren mit Blut überzogen. Von dem Jungen fehlt zu diesem Zeitpunkt jede Spur. Die Polizei erklärt, es wäre zu früh, um eine klare Aussage zu treffen, aber zum jetzigen Zeitpunkt ist davon auszugehen, dass auch dieser Junge zu einem weiteren Opfer des sogenannten ‚Mitternachts-Mörders' erklärt werden wird.

Im letzten Monat gab es sechs Opfer, die alle nach dem gleichen Muster verlaufen sind: Jemand, der sich nachts alleine in einem größeren Haus aufgehalten hatte, wurde am nächsten Tag als vermisst gemeldet, während das Haus verwüstet war und so große Mengen Blut aufgefunden worden, dass der Verdacht nahe liegt, die Vermissten seien bereits tot. Thomas W. wird vermutlich schnell zu einem weiteren Opfer des ,Mitternachts-Mörders‘ erklärt werden.

Polizei-Offizierin Klara Stern erklärte heute vor der Presse: ,Wir arbeiten mit allen Mitteln an der Aufklärung dieser Fälle, doch der Fakt, dass wir bis jetzt keine brauchbaren Zeugenaussagen, keine DNA, keine Fingerabdrücke, kein gar nichts gefunden haben, ist äußerst – ich kann das nicht stark genug betonen – äußerst besorgniserregend. Wer oder was auch immer dahintersteckt, umgeht komplett unsere normalerweise erfolgreichen Ermittlungsmethoden. Zu diesem Zeitpunkt kann ich, solange uns die Regierung nicht hierbei unter die Arme greift, nur präventive Maßnahmen empfehlen: Rüsten Sie Ihre private Sicherheit auf, installieren Sie sich vielleicht Überwachungskameras, die im besten Fall Ihre Aufnahmen direkt in eine Cloud streamen. Verlassen Sie, wenn möglich, nicht Ihre Wohnung nach Sonnenuntergang. Und vor allem halten Sie sich, wenn möglich, nur noch in Gruppen auf.‘

Zum aktuellen Zeitpunkt versammelt sich gerade der Bundestag und debattiert über eine Ausrufung des nationalen Notstandes…“



„Oh Mann echt, ich dachte, wir schauen hier die Nachrichten und keinen schlechten Horrorfilm!“

 

„Ja, irgendwie hat man in letzter Zeit nur noch das Gefühl, dass es mit der Welt bergab geht...“

 

„Macht euch da keine Sorgen, ihr werdet einfach alt.“



“Das will ich jetzt aber mal überhört haben!“



“Also wirklich, wer hat dich denn erzogen?!“



“Haha, sorry, aber jetzt mal im Ernst, vor hundert Jahren gab es zwei Weltkriege, danach einen Kalten Krieg, dann einen sogenannten Krieg gegen Terror. Alles in einem Klima, in welchem es unterschiedlichsten Minderheiten, je weiter man zurückgeht, immer schlechter erging. Von der Industrialisierung oder dem Mittelalter mal ganz zu schweigen. Ich bin mir, ehrlich gesagt, nicht einmal sicher, woher dieses kollektive Gefühl, dass alles immer schlimmer wird, kommt: ob so einfach die menschliche Psyche funktioniert; so war ja schon Sokrates drauf – die Jugend liebt heutzutage den Luxus, sie hat schlechte Manieren, Blablabla -, oder ob das einfach die Medien und unsere Wissensgesellschaft sind, die vor allem Negativität an die Oberfläche befördern. Ich meine, vermutlich hätten wir vor zweihundert Jahren nicht mal geahnt, wenn hier vielleicht ein Serien-Mord passiert.“



“Und als junger Mensch hast du das Gefühl, dass wir rückschrittliche alte Menschen nur noch sehen können, was sich alles verschlechtert?"“

 

“Nicht unbedingt, mir geht es ja oft genauso. Aber Pessimismus ermüdet mich mittlerweile nur noch, ich kann es einfach nicht mehr, und wenn wir ehrlich mit uns sind, ist das oft genug halt auch nur die halbe Wahrheit.”

 

“Wort zum Sonntag! Können wir jetzt endlich nen Film schauen?“

 

“Gerne.“



“Apropos Horrorfilm: Wie wäre es mit der Fliege? Den gibt es jetzt seit Neustem auf Netflix.“



Es ist 21:19 Uhr und ich schaue mit meinen Eltern einen Film, um meine

Fassade aufrechtzuerhalten…