Prätentiös

 

Ich war zwölf Jahre, als sich unsere Gesellschaft die Frage stellte, warum man perspektivlosen Menschen aus anderen Ländern Obdach geben soll, wenn man sie auch einfach im Mittelmeer ertränken kann. Zu der gleichen Zeit sah ich ein Video, in dem Tieren die Haut vom lebendigen Leib abgezogen wurde, um daraus Pelz herzustellen. Ein Jahr später stellten wir uns die Frage, wie viele Vergewaltigungen es braucht, bis der Ruf eines Mannes weniger wert ist als die körperliche Unversehrtheit einer Frau.

 

„Warum sind deine Texte so wütend geworden?“ fragte Marie. „Ich weiß nicht, irgendwie ist das alles, was ich in letzter Zeit zu Papier bringe.“ Sahra wollte eigentlich immer Hoffnung zum Motiv ihrer Texte machen. Die beiden saßen bei Bug, wo die Regnitz sich einmal gabelte, 16 Uhr, Sonne im Zenit.

Es ist heiß.

„Weißt du was?“ Marie und Sahra sahen sich in die Augen. „Was?“ fragte Sahra. „Ich hatte letztens eine Idee. Ich weiß nicht, vielleicht ist sie dumm…“

„Jetzt will ich sie hören.“

„Ich weiß nicht. Ich hatte mir die Frage gestellt, wie wohl Texte von dir aussehen würden, wenn du einfach mal banale Genre-Literatur schreibst.“ Sahra lachte: „Ich wäre grauenvoll darin.“ „Wirklich? Oder bist du nur zu prätentiös dafür?“

„Fick dich, du weißt genau, dass ich nicht so eine bin…“

„Warum machst du es dann nicht?”

„I don't know, gib einen Pitch und ich zeig dir, warum ich das nicht kann.“

„Okay, wie wäre es mit….“

 

Young Adult Dystopie

„Alles hatte sich verändert, als die Aszendenten auf der Erde angekommen waren. Große graue amphibische Zweibeiner, fähig zur interdimensionalen Reise …“

Samantha hasste den Geschichtsunterricht. Wen interessiert es schon, wann die Aszendenten auf der Erde gelandet sind und was sie alles wie verändert haben? Das Klassenzimmer war still, alles was zu hören war, war das Klacken der Tastaturen, wenn die Kinder versuchten, im Tempo des Lehrers mitzuschreiben. Joshua, ihr Banknachbar, schob ihr einen Zettel zu. Darauf war ein Bild vom Lehrer, wie er einen Ball-Gag -”

 

„Nein, Stopp!“

 

Sahra schaute auf: „Was?“ Marie: „Ein Ball-Gag? In Young Adult Literatur?“ „Ja,...“ Sahra dachte kurz nach. „Muss ich jetzt bei allem über die konservativen Eltern nachdenken, die Harry Potter zu unchristlich finden?“  „Nein, aber… ich weiß nicht… findest du nicht, dass es zumindest ein bisschen weird ist?“

Sahra dachte kurz nach: „Yeah, but that’s the point, right?“ Marie gab auf: „Okay, okay, machen wir was, wo diese Themen keine Rolle spielen.“

 

Horror

Baker war ein Fischer, seitdem er denken konnte. Auf das Meer fahren, angeln und die Beute essen war alles, was er kannte. Es war ein gutes und ehrliches Leben. Er konnte sich nicht beschweren. Es reichte stets zum Überleben. Irgendwann fand er heraus, dass nachts der beste Fang zu machen war. Seitdem war er zur Nachteule geworden. Er stand auf, wenn die Sonne unterging, verbrachte die Nacht auf See, und wenn die Sonne wieder aufging, dann holte er seine Angel wieder ein….

 

„Okay, jetzt langweile ich mich schon selbst beim Schreiben…“ Marie: „Ich fand es okay, Horror braucht einfach ein bisschen, um in Fahrt zu kommen…”

„Okay, pass auf, jetzt pitche ich mir mal meinen eigenen Autounfall.“

 

Dark Romance

„Du willst mal einen richtigen Mann in dir spüren?“ Er keuchte während er sprach. Ich nickte stumm und schluckte den Speichel herunter, der sich in meinem Mund bildete. Er öffnete den Reißverschluss und holte das massivste Glied heraus, das Catnisss je gesehen hatte. Günther war so prall wie ein…

 

„Ahhhhhhghjk, warum musst du ihn Günther nennen? Und warum direkt mit dem Sex einsteigen?“ „Sorry!“ „Du nimmst das doch gar nicht ernst…“ „Ja, da ist gerade irgendwas bei mir durchgebrannt.“ Marie schüttelt den Kopf und nimmt einen Schluck vom Cider.

„Okay, okay, ich probiere es nochmal…“

 

Dark Romance (Diesmal wirklich)

Liz hatte es so satt, immer wollte ihr Chef von ihr diese trivialen Aufgaben. Konnte er sich nicht einfach selbst Kaffee holen? Die meiste Zeit spielte er eh nur Minesweeper. Sie konnte seinen Bildschirm gut sehen von ihrem Schreibtisch aus.

Als sie endlich bei seinem Büro ankam, kam ihr eine große Dame entgegen. Hohe High Heels, starkes Make-up, drei Knöpfe offen, Schweißgeruch. Bestellt ihr Chef sich Prostituierte in sein Büro…

 

 

„Ich fühl mich irgendwie schmutzig dabei.“ „Warum?“ „Fuck, ich hasse einfach diese Stereotypen.“ „Du musst sie ja nicht in deine Texte schreiben.“ Sahra begann sich eine Zigarette zu drehen: „Ich weiß, aber das scheint einfach so zu passieren, wenn ich mir denke: so, jetzt schreibe ich einen Genre-Text. Wenn ich das nicht tue, kommen halt die Texte raus, die bei mir rauskommen.“ Marie lachte: „Du kannst doch auch jederzeit deine Texte stereotyp entwerfen und dann immer noch durch Überarbeitung die Nuancen reinbringen.“

„Das klingt anstrengend, da steckt ja schon das Wort Arbeit drinnen.“ Marie lacht: „Willst du mir gerade sagen, dass du gar nicht arbeitest?“

Sahra blickt tief in die Augen von Marie. Sie denkt kurz über die Frage nach. Sie weiß, Marie will ihr eigentlich nicht den Wert ihrer Texte absprechen. Sahra weiß, dass sie selbst Marie dazu eigeladen hat, ihr diese Frage zu stellen. Sie wählt ihre nächsten Worte mit Bedacht.

 

„Warum sollte ich arbeiten, wenn ich auch prätentiös sein kann?“