Alltagcalypse

 

Wie fünfbeinige Käfer kriechen wir tagsüber durch die dampfenden Gassen und qualmenden Straßen. Wann ist die Welt verendet?

War es letztes Jahr, dieses Jahr, vor fünf oder doch erst in zehn?

Wir wissen es nicht. Manchmal fühlt es sich an wie die Apokalypse, als würde sich der Himmel über uns öffnen und die Aristokraten uns für immer im Fegefeuer des Klimawandels zurücklassen. An anderen Tagen ist es Dienstag und ich frage mich, ob wir noch genug Nudeln daheim haben oder ob ich zur Sicherheit ein neues Paket Ja!-Fusilli mitnehmen soll. Kann die Apokalypse wirklich so banal sein? So langweilig? Im Fernsehen ist die Rede davon, dass die Ölreserven knapp und knapper werden. Rationiert wird noch nichts. Ich schenke mir einen Tee ein. Ich glaube an die Banalität der Apokalypse. Die Pest war doch genauso: Ein Dorf wurde ausgelöscht, in einem anderen wurde Kartoffelbrot gebacken. 

Wir sind der Krisen müde und werden immer müder. Dann geht das Leben weiter. Meistens wird es ein bisschen anstrengender, aber nicht leichter dadurch, dass wir uns der Krisen bewusst sind. Also warum sollte es uns interessieren, ob wir in einer Apokalypse leben oder nicht. Historikerinnen werden eh mit Überheblichkeit auf uns herabblicken. Und wenn wir heute nicht einkaufen gehen, dann haben wir morgen nicht mehr die Pilze, für das Risotto, dass wir eigentlich Essen wollten.

Diplomatische Bemühungen sind mal wieder an großen Egos gescheitert. Ich greife zu meiner Handtasche und verlasse das Haus. Auf meinen Ohren Podcasts, um mich daran zu erinnern, dass wir nie nur eine Krise gleichzeitig haben. Heute reden alle über Öl, aber wir dürfen die steigende Überwachung nicht vernachlässigen. 

Ich betrete den Supermarkt, auf meinem Zettel stehen vier Dinge: Gorbatschow, Reinigungsalkohol, die neueste Ausgabe der Bild am  Sonntag und ein Sturmfeuerzeug. Ich nehme mir noch zusätzlich Pilze, Fussili, zwei Laugenbrezen und etwas Humus mit. Auf Youtube werfen sich jetzt zwei Männer Sexismus vor. Eigentlich ist es recht egal, wenn nächste Woche wirklich unser Öl rationiert wird - Egal.

Ich schütte den Wodka in einen Gulli und fülle den Reinigusalkohl von der Plastikflasche in die Glasflasche. Die Plastikflasche entsorge ich dann ordnungsgemäß in eine gelbe Tonne. Das Video ist vorbei, verzweifelt suche ich nach neuem Content, um mir Seelenfrieden zu gewähren. 

Die neue Staffel einer Franchise-Serie soll umstritten sein. Ist sie feministisch? Misandristisch? Internalisiert Misogyn? Auf diese Fragen brauche ich Antworten, während ich auf die nächste Bahn warte. Ich widerspreche den Menschen im Internet. Ich weiß es eh besser als sie. Ich schreibe aber keine Kommentare, weil Kommentare das einzige sind, was dümmer ist, als Menschen im Internet. Trotzdem konsumiere ich. Natürlich konsumiere ich. Wer braucht schon  Askese in der Apokalypse. Wenn wir morgen sterben, will ich wenigstens wissen, mit welcher Serie ich heute Abend nicht meine Zeit verschwende.

Naja, sterben werden wir eh nicht alle auf einmal. Ich schaue aus dem Fenster der Bahn. Die Welt zieht nicht an mir vorbei. Nein. Ich ziehe durch die Welt. Das ist wichtig. Dann höre ich Musik. Liebeskummer, Drama und Motivation. Glorifizierte Kalendersprüche und Vier/viertel-Takt. Irgendwo Großartig. Irgendwo belanglos. Irgendwo Kunst.

Am Hauptbahnhof steige ich um. Melde mich mal wieder bei alten Freundschaften. Es ist so heiß draußen, dass ich fast schon verwundert bin, dass in der Bahn noch die Klimaanlage geht. Eigentlich heißt es immer, dass darauf kein Verlass ist. Naja, meine persönliche Erfahrung des “irgendwie ist doch alles noch okay”, ist definitiv aussagekräftiger als Expertisen und Metastudien. Das habe ich im Jahr 2020 gelernt.

Aussteigen. Im nächsten Park sich einen dünnen Mantel umwerfen und eine Sturmhaube aufziehen. Außerdem die Glasflasche aufschrauben und Papierstreifen der Zeitschrift reinstecken. Dann geht es weiter bis zu meinem Zielort:

 

Das *************** des ********************. Ich ********** und ************, dann *****************. Wieder in einem Park *************** und steige in die nächste Bahn um mich auf den Heimweg zu machen. 

 

Ein paar Minuten später wird mein Ausflug in den Nachrichten aufgegriffen. 

Ich lese mich durch die Manifeste der Entrüstung, wissend, das morgen schon wieder etwas spannenderes passieren wird.

Daheim begrüßt mich bereits meine Lebensabschnittsgefährtin. Wir bereiten heute einfach nur Nudeln mit Pesto zu und lassen uns über unsere anstrengenden Tage aus.

Dann fangen wir eine neue Serie an und ein weiterer Tag neigt sich dem Ende. Alltag oder Apokalypse, Widerspruch oder Einklang. Ich drehe und wende mich wieder stundenlang durch die Tropennacht, bis ich einschlafen kann.