Inspiration

 

Marie stand vor dem Spiegel und dieser verdammte Pickel ließ sich nicht anständig wegretuschieren. Sie hatte alles versucht, was Beauty Gurus empfehlen und auch das, wovon sie abraten. Naja. Whatever.

Die Foundation ist gesetzt, der Puder drüber und jetzt gilt es, die Unschönheiten zu akzeptieren und in Highlights umzuwandeln. Mit ihrem roten Eyeliner malte sie ein kleines Herzchen an die Stelle, an der das Symptom ihres Stresses pulsierte.

Over half of these hoes have work done; Saying they want something real from a man; Just saying it, we being real persons”. Ihr Bluetoothspeaker machte sich lustig über sie, nur um sich dann direkt wieder zu entschuldigen: “I hate that it's like that, I feel for you and I don't know what it's like with a skirt on”.

Woke.

Eyeliner, dann Lippenstift und Wimperntusche. Sie schaute nochmal prüfend in den Spiegel, nicht ihr bester First-Date-Look, aber gut genug. Etwas Haarspray für mehr Volumen. Sie griff nach ihrem Energydrink und verließ das Bad. Blickte kurz in den Spiegel. Sah schon gut aus, Blick auf die Uhr, noch so 10 Minuten, also nochmal kurz auf die Terrasse. Filter, Papes, Tabak. Nikotin bringt dich um, aber leider ist es auch eine gute Beschäftigungstherapie, die die Nerven beruhigt. Ziehen, Einatmen, Ausstoßen. Sie blickte aufs Handy. Sarah. Das war das Girl, das sie treffen würde. Ihr Profil war prätentiös und ehrlich zugleich, Texte schreiben und viel Meinung zu Medien, das schien ihre Persönlichkeit auszumachen. Bilder, die vorsichtig kuratiert wurden, zum chaotisch Unperfekten. 

It was virtual, it means no sense.” 

Marie war der Überzeugung, auch wenn ein Profil nie die Gesamtheit einer Person einfangen würde, hieß das nicht, dass sie nicht ein Meer an Informationen daraus ziehen könne, wie sich Menschen im Internet entscheiden zu präsentieren.

Blick auf die Uhr.

Fuck.

Und plötzlich war die Zeit doch knapp. Kippe aus. In den Aschenbecher. Letzter Schluck. Schuhe an. Jacke greifen.

Und der Stress ließ erst wieder nach, als sie schon im Zug saß. Von der einen Stadt in die andere in weniger als einer Stunde. Wie würde Sarah wohl in echt sein? 

I can't relate to my peers.

I'd rather live outside.

I'd rather chip my pride than lose my mind out here.

Noch könnte sie Sarah einfach ghosten und sich die Qual ersparen, dass in echt alles anders ist als in der Fantasie. Doch im Vergleich zu Frank Ocean war sie brave, mutig. Mutig, das Haus zu verlassen und die Menschen zu suchen, zu denen sie relaten kann. Nächster Halt. Hier muss sie raus.

Das Gleis ist überfüllt. Irgendwo hier muss ein Mensch stehen, der auf sie wartet. Ein Mensch, der einen roten Mantel trägt. An der Treppe findet sie: “Sarah?” 

Das Mädchen nickt. Die beiden umarmen sich. “Wollen wir erstmal hier raus?” Marie nickt. “Klingt gut.” Sarah stieg die Treppe hinab. Marie folgte ihr. Smalltalk. Hat bei der Reise alles geklappt?

Dann standen sie draußen. Haupteingang. Sarah drehte sich zu Marie: “Hier drüben ist der Park, folg mir.”

Sarah breitete ihre Decke aus. Marie holte ihre nächsten zwei Dosen aus der Tasche und gab eine Sarah. Sie setzten sich hin und Marie nahm sich das erste Mal Zeit, sich Sarah genauer anzusehen. “Ich mag deine Haare.” Sie waren blond. Sarah trug sie hoch in einem engen Dutt, von dem links und rechts zwei symmetrisch perfekte Strähen - eine rot, die andere schwarz - herumterfielen und perfekt ihr Gesicht einrahmten.

Sie lächelte: “Danke, ich mag deinen Eyeliner voll.” Sie holte sich Drehzeugs aus der Tasche und begann sich eine Zigarette zu drehen. Make-up schien sie nur subtil zu tragen. Unter dem roten Mantel lugte lila kariertes Flanell hervor. Die schwarze Jeans hatte einen Schlaghosen-Schnitt und zeigte nur die Spitze, von vermutlich sehr hohen Stiefeln.

Stille. Wenn sich zwei Menschen online kennenlernen, ist das erste Treffen oft komisch. Stimme, Mimik, Gestik, alles ist neu. Alles ist neu, obwohl man sich doch irgendwie kennt. Sarah lässt sich das nicht anmerken. 

Marie tut es ihr gleich und dreht sich eine Zigarette. Dann greift sie nach einer Musikbox und fragt Marie: “Was hast du zuletzt gehört?” “Blonde von Frank Ocean” Sarah lächelt: “Du bist also wirklich ein Alben-Girly.”

These bitches want Nike. They looking for a check. Tell em it ain't likely” 

Die Musikbox fängt an zu spielen, während die Zigaretten angezündet werden. Ziehen, Einatmen, Ausstoßen. “Auf deinem Profil steht, dass du schreibst, über was schreibst du so?"

Sarah: “Dieses und jenes, vielleicht schreibe ich einen Text über unser erstes Date." 

Wirklich?

“Wirklich?”

“Mal schauen. Wenn es ein spannendes Date wird, könnte es ein cooler Text werden.” Marie nahm noch einen Zug und gab Sarah Raum, weiter zu sprechen. “I don't know. Ich finde es irgendwie voll spannend, wie anders so die T4T-Dating-Erfahrungen sind im Vergleich zu den Straggots.”

Marie lachte: “Ich seh ein bisschen, was du meinst.”

“It’s alright to hate me now, we both know that deep down, the feeling still deep down is good.”

Marie dachte kurz nach und dachte darüber nach, wie sie brave sein will und dann sprach sie etwas aus, das vielleicht komisch war: “Okay, wenn du einen Text schreiben willst, dann lass das Date so interessant wie möglich werden.” Kribbeln. Von ihrer Hüfte bis zur Brust. Das könnte jetzt extrem daneben gehen oder extrem spannend werden.

Sarah: “Dann küss mich.”

Marie hält sich spielerisch eine Hand an den Mund und schaut schockiert. Das wird die Rolle ihres Lebens: “Jetzt? Hier?”

Sarah: “I don't know, ich dachte…” Ihre Fassade bricht kurz, vielleicht ist sie es nicht gewohnt, dass Leute ihr Spiel mitspielen.

Marie lehnte sich vor und legte ihren rechten Zeigefinger auf Sarahs Lippen: “Psst, I'm just playing with you.” Dann lässt sie ihren Finger runter gleiten. An Sarahs Kinn, unter Sarahs Kinn und sie schiebt sachte auch Sarahs Kopf etwas nach vorne, sodass sich ihre Lippen berühren können.

“Making sweet love, taking time, till God strikes us.”

Marie lehnt sich zurück, Sarahs Gesicht ist feuerrot.

"Hmm, was jetzt?” Scheinbar hat Marie es geschafft, Sarah komplett zu überfordern. Das war amüsant.

“Ich weiß es nicht, du bist schließlich die Autorin." Sarah lehnte sich leicht zurück: “Braucht nicht jede gute Künstlerin Inspiration?” Marie musste lachen, Sarah war gut, da würde sie nicht so leicht vom Haken kommen. Sie nahm noch einen Zug, schindete Zeit und legte sich ihren Konter zurecht: “Inspiration heißt nicht, dass du einfach die Arbeit von anderen abschreibst."

Sarah drehte sich eine weitere Zigarette: “Der war gut, das muss ich dir lassen.” Sie zündete die Zigarette an. Nahm einen Zug, hielt ihn in der Lunge, überlegte und stieß den Rauch aus. “Der Punkt ist sehr valide, aber ich muss anerkennen, dass ich nicht jeden Tag die Kreativität für ein Meisterwerk habe.”

“Das ist schade.”

“Was soll ich sagen? Die Ideen sind alle da, die Prämisse ist solide und die Einleitung hat sich quasi wie von selbst geschrieben, aber dann kam der Zeitdruck, der Anspruch, die Zweifel und irgendwie ist das auch okay.”

“Ich meine, das klingt ja schonmal nach irgendwas.”

“Ja, irgendwas steckt da drin. Ein Metatext über Ansprüche, ein erster Teil von was Größerem oder halt so Kunstscheiße.”

Marie nickte.

Das war irgendwie genau die Person, die sie sich hinter dem Profil vorgestellt hatte.